Sonntag, 12. November 2017

Dirndl und Lederhosen

Es geht heute um Handgenähtes wie immer auf meinem Blog - aber diesmal um die hervorragende Arbeit anderer Menschen. Bei einem Kurzbesuch in Bayern konnte ich in einer Dirndl-Schneiderei und in einer Säcklerei in die Werkstatt schauen.
Wir waren anlässlich der Leonhardi-Fahrt im Tölzer Land unterwegs. Ein traditionelles Fest, welches immer am 5. oder 6. November stattfindet und bei dem der heilige Leonhard (der Schutzpatron der Arbeitstiere) gefeiert wird. Eine Wallfahrt mit Pferd und Wagen, viel Tradition und Tracht (um es mal auf den kurzen Nenner einer Auswärtigen zu bringen):
Erntedankwagen Benediktbeuern
 
Wir haben in Dietramszell die Dirndl-Werkstatt von Uschi Disl besucht. Wem der Name bekannt vorkommt - ja, das ist die Mutter der Uschi Disl, die in den neunziger Jahren Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Biathlon war.
Ich habe über die Handwerkskunst gestaunt und hätte Stunden hier verbringen können. Schaut Euch einmal dieses steife Mieder an:
Es besteht aus 4 Einzelteilen und 4 Lagen Stoff plus Bügelvlies. Das Muster wird abgesteppt und mit Füllwatte und Peddigrohr werden die erhabenen Stellen herausgearbeitet. Letztlich wird es in Form gebügelt und mit einer Silberkette und Haken verschlossen. 45 Arbeitsstunden stecken darin - unglaublich! Der Zackenrand übrigens wird komplett mit der Hand genäht. Hier seht Ihr ein ähnliches Mieder für ein Hochzeitsgewand, mit eingestickten Initialen der Braut auf dem Rücken:

Um die 600 € kann so ein einzelnes Mieder kosten. Ein maßgeschneidertes Dirndl mit Schürze liegt bei 1200 €. Nach oben sind natürlich keine Grenzen gesetzt. Verständlich, wenn man diese Details sieht. 
Froschgoscherl mit handgenähten Perlen
handgenähte Knopflöcher

 
 

Uschi Disl zeigt einen Spenzer...
...eine  Schößchenjacke  mit perfekter Innenverarbeitung
 
Selbst die Ösen am Rock werden nicht einfach sondern ausgesprochen schön angenäht.
 Einen Reißverschluss findet man hier übrigens nirgends ;)
Die Stoffe sind oft Seide oder Halbseide. Aber auch hochwertige Polyester nutzt Frau Disl, weil sie pflegeleicht sind. 1200 verschiedene Stoffe hat sie direkt in ihrem Laden zu Auswahl: 
Rund 150 Dirndl schneidern Uschi Disl und ihre 12 Angestellten im Jahr, Trotzdem vergehen von der Bestellung und vom Maßnehmen bist zum fertigen Dirndl 6 Monate. Doppelt solange wartet Mann auf eine maßgeschneiderte Lederhose. Wie die entsteht, habe ich mir bei der Säcklerei Bammert in Lenggries angeschaut. Susanne Schöffmann führt den von ihrem Vater gegründeten Betrieb und fertigt mit ihrem kleinen Team rund 200 Lederhosen im Jahr.
Hier wird Hirsch- oder Elchleder verarbeitet, welches mit Fischtran gegerbt wird. Gefärbt werden die Häute nur auf einer Seite. Deshalb sind die Hosen innen hell. Die einzelnen Teile werden zugeschnitten (es gibt einen Grundschnitt, der bei jedem Kunden angepasst wird) und dann bestickt.
Dazu wird Maulbeerseide verwendet und eine ganz normale Nadel - keine Ledernadel, weil die mit ihrer Messerspitze das Leder schneidet und an dieser Stelle die Hose später kaputt gehen könnte. Für die Motive gibt es Vorlagen, aufgetragen wird mit Federkiel und Gummiarabicum.
Es wird nicht durchgestochen, sondern (von hinten unsichtbar) im Leder die Nadel wieder nach oben geführt.
Das Motiv "Grüner Hirsch mit Eichel" dauert 8 bis 10 Stunden. Nach dem Sticken werden die Einzelteile mit einem Kleber aus Roggenmehl und Wasser "geheftet" und genäht.
 Die fertige Hose kostet dann zwischen 1000 und 1500 €, je nachdem wie viel Stickerei dabei ist. Auch alte Hosen werden hier repariert oder geändert. Wobei letzteres gar nicht so oft nötig ist, denn jede Lederhose hat eine Toleranz von 5 bis 10 Kilo durch die hintere Schnürung und die Knöpfe am vorderen Latz.
Übrigens führt in unmittelbarer Nähe der Werkstätten der Isar-Radweg vorbei. Eine Empfehlung für alle, die Aktivurlaub lieben. Wer mehr wissen will, schaut einfach hier mal vorbei: https://www.toelzer-land.de/
Wildflusslandschaft Isartal
Auf dem Isarradweg Richtung München
 

Kommentare:

  1. Ein interessanter Bericht, besonders für „Nichtbayern“. Vielen Dank dafür und liebe Grüße
    Monika

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    1. Genau das dachte ich auch - als Nichtbayerin. Ich fand es so toll, dass ich meine Begeisterung gerne teilen wollte.
      LG Ina

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  2. Nur vom Feinsten! Höchste Handwerkskunst! Danke für den Bericht!
    liebe Grüße von Ellen

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    1. Gerne, ich war selber so begeistert. Bin aber ohne Dirndl heimgefahren, haha.
      LG Ina

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  3. Tolle Bilder , interessanter Bericht!
    LG
    Christine

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  4. Toll, dass du uns an deiner interessanten Werkschau teilhaben lässt.
    LG von Susane

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    1. Ja, ich hatte das dringende Bedürfnis, diese Werkstattblicke zu teilen. Habe mir übrigens in Bad Tölz eine Strickjacke gekauft mit ganz dezenten Trachtenelementen. Die kann ich auch hier zu Hause tragen und habe es nun genauso kuschlig wie ihr Selberstrickerinnen...
      LG Ina

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  5. Sehr interessant zu lesen und anzuschauen. So versteht man auch die Preise.
    LG
    Astrid

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    1. Das dachte ich auch - eine Kinderlederhose in Babygröß3 74 kostet übrigens 400 €. die wächst dann aber bis zum Schulbeginn mit.
      Danke und liebe Grüße
      Ina

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  6. Sehr interessant! Die alte Nähtechniken brauchen ganz schön viel Handarbeit. Toll dass es immer noch Leute gibt, die sie kultivieren.
    LG
    Ewa

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  7. Genau das finde ich auch und habe deshalb hier mal bissel Werbung für traditionelle Handwerkstechniken gemacht...
    LG Ina

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  8. Da hätte ich ja gern ein wenig mitgeschaut ... ich staune immer, was für eine Vielfalt an Techniken, Aufwand und Detailverliebtheit mal Standard war und wie wenig spezielle Hilfsmittel dafür benötigt wurden. Sicher war eine Tracht schon immer was Besonderes, aber viele dieser Details findet man ja auch in weniger geballter Ladung an Alltagskleidung. Der Stoffladen war sicher auch einen zweiten Blick wert.
    Im Isarwinkel waren wir letztes Jahr auch mal radeln.
    Herzliche Grüße,
    Malou

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    1. Im Stoffladen hätte man auch Meterware kaufen können (nur Jerseyliebhaber scheitern hier grandios :)) Ich finde es auch erstaunlich, was alles mit traditionellen Nähtechniken geht und eine elektronische Nähmaschine mit 500 Stichen und 100 Nähfüßchen oder so habe ich auch nicht gesehen...
      Liebe Grüße
      Ina

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  9. Und hast du mal ein Dirndl anprobiert? Ich finde das Handwerk sehr bewundernswert und es ist wirklich schön, dass es das noch gibt aber anziehen, nie im Leben.
    Liebe Grüße
    Sylvia

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    1. Ne, ne, nicht mal anprobiert ;) Und mein Mann hat auch keine Lederhose nach diesem Ausflug. Ich habe die Dirndl und Trachten wirklich bewundert, aber in mein Leben und zu mir passt das nicht. Da geht es mir wie Dir...
      Liebe Grüße
      Ina

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  10. Sehr interessant, vielen Dank für den spannenden Einblick! Keine Ledernadeln - das finde ich sehr aufschlussreich! LG Kuestensocken

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    1. Nein,keine Ledernadeln und der Kleber ist auch irre, da ja nicht geheftet werden kann. Mir hat es jedenfalls irre viel Spaß gemacht und ich habe nur beim Zuschauen jede Menge gelernt.
      Liebe Grüße
      Ina

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